Farbe bekennen | Bilder und Texte aus Wien | Peter Reichert

Farbe bekennen

Die dunkle, graue Jahreszeit kommt. Ich treibe es bunt wie der Herbst und fotografiere in Farbe. Dabei gibt es keinen Grund zur Panik. In der Stadt bleibt es ja farbig. Draußen am Land ist das anders, da entfärbt der Winter alles. Vielleicht einer der Gründe, warum ich kein Landmensch bin, nicht auf dem Land leben will und kann und überzeugt bin, da nach kurzer Zeit einzugehen. Ich brauche das Leben in der Stadt, die auf mich einstürzenden Eindrücke, gegen die ich mich manchmal mehr schlecht als recht mit der Kamera wehre, ich brauche die Herausforderung, den Widerspruch, den Kontrast, das Chaos, ja sogar die Angst, damit ich wach bleibe und aufmerksam und nicht bequem werde und mich in der Schönheit einrichte und mit Berg- und Seesicht langsam aber unweigerlich zu Grunde gehe. Ich brauche die Kultur mehr als die Natur. Die brauche ich auch, sicher, aber Wien bietet mir davon genau das richtige Maß mit den wunderbaren Parkanlagen, Baumalleen, Blumenbeeten, und wenn es mal ein bisschen mehr sein soll gibt es die Stadtwanderwege, wo man sich kurz nach einer Straßenbahn-Endstelle schon mitten in der Natur befinden und aufhalten kann, ohne lange Anreise und ohne ein Hotel buchen zu müssen. Ideal! Ich fühle mich wohl hier, ganz besonders in der dunklen und grauen Jahreszeit, weil die Buntheit erhalten bleibt. Eine andere Buntheit als die der Skianzüge …

© Peter Reichert 2017